Der ungewöhnliche Weg eines Hundes zum Trauerhelfer in einem Beerdigungsinstitut im Podcast Der ungewöhnliche Weg eines Hundes zum Trauerhelfer in einem Beerdigungsinstitut im Podcast
Der ungewöhnliche Weg eines Hundes zum Trauerhelfer in einem Beerdigungsinstitut. Transkription des Podcasts für Hörgeschädigte Dogs&Jobs: Frau Meißner-Witzke, Sie hatten in Ihrem Bestattungsunternehmen einen... Der ungewöhnliche Weg eines Hundes zum Trauerhelfer in einem Beerdigungsinstitut im Podcast

Der ungewöhnliche Weg eines Hundes zum Trauerhelfer in einem Beerdigungsinstitut.

Transkription des Podcasts für Hörgeschädigte

Dogs&Jobs: Frau Meißner-Witzke, Sie hatten in Ihrem Bestattungsunternehmen einen Hund. Was für ein Hund war das und war das ein Therapiehund?

Meißner Witzke: Das war ein Labrador-Schäferhund-Mischling. Kein Therapiehund, sondern ein Privathund, der nicht alleine sein wollte. Deshalb nahm ich den Hund mit zur Arbeit und war selber überrascht, dass es so gut klappte. Sie war dann elf Jahre immer im Büro.

Dogs&Jobs: Können Sie die Situation mit dem Hund im Büro kurz beschreiben?

Meißner Witzke: Also mein Hund war ein merkwürdiges Tier. Sie war nicht so der Freund von fremden Menschen. Deshalb war eigentlich geplant, dass der Hund hinten bleiben sollte und sich unauffällig verhalten sollte – wir haben hinten einen Aufenthaltsbereich, den wir dazu nach vorne zu den Kunden mit so einem Kinderlaufgitter abtrennten. Das fing eigentlich auch gut an. Da sie nichts von fremden Menschen wissen wollte, rollte sie sich auf ihre Decke ein und gut war es. Mir fiel aber auf, dass Kunden mich oft fragten: „Haben Sie ein Kind oder ein Hund, oder warum ist dieses Gitter da?“ Manchmal schlich auch der Hund selber ans Gitter, guckte und versuchte, Kontakt nach vorne herzustellen, was sie außerhalb des Büros nie tat. Das überraschte mich sehr.

Dogs&Jobs: Und was für positive Erlebnisse haben Sie mit dem Hund gemacht?

Meißner Witzke: Anfangs, als ich ihn mitnehmen musste, dachte ich mir, es sei unprofessionell, seinen privaten Hund mit in die Firma zu nehmen. Gerade als Selbständiger war meine Sorge, dass es keine Professionalität ausstrahlt. Doch eigentlich war es das genaue Gegenteil: Kunden, die in einer schwierigen, traurigen und komischen Situation waren, weil sie jemanden verloren hatten, gingen ganz oft an dieses Gitter oder setzen sich dort hin und fragten mich, ob sie den Hund mal sehen können und ob ich ihn mal nach vorne holen kann. Am Anfang sagte ich, dass sie fremde Leute nicht so gerne mag. Aber sowohl Hund als auch Kunden haben da immer gut zusammengewirkt. Ich erlebte es so oft, dass ich den Hund nach vorne holte und sie alle freudestrahlend begrüßte – mein Hund! Sie begrüßte freudestrahlend fremde Leute! Und dann hat sie sich einfach zu deren Füßen unter den Tisch auf ihrem Kissen eingerollt. Dann geht’s fünf Minuten um das Thema Hund: wie alt und so weiter. Und dann konnte ich irgendwann zurück zum eigentlichen Anlass kommen, indem ich sagte, wir sind ja aus einem anderen Grund hier. Und dann ging es immer leichter.

Dogs&Jobs: Wie regierten denn Ihrer Kunden auf den Hund? Können Sie ein positives Beispiel herauspicken?

Meißner Witzke: Die Reaktionen waren durchweg positiv. Es gibt aber ein, zwei Leute da war es wirklich ganz auffällig. Die haben uns auch noch Jahre später mit Hundeleckerlies besucht und dem Hund eine Belohnung gebracht. Immer wenn sie in der Nähe waren, weil sie bei uns in der Gegend was einkaufen wollten, kamen sie auf einen Plausch vorbei und brachten Hundeleckerlies. Auch wenn sie mich mit dem Hund auf der Straße sahen, grüßten sie mich. Sie hatten auch eine nachhaltig gute Erinnerung an uns und an meinen Hund. Und selbst als mein Hund dann verstorben war – sie lebt mittlerweile nicht mehr – kamen diese Leute und sagten mir, wie schön das mit ihr war. Sie trösteten mich und sagten, dass sie jetzt im Hunde-Himmel sei. Sie betonten, dass mein Hund ein wichtiger, positiver Punkt in unserem Betrieb war.

Dogs&Jobs: Nun stellen wir uns die Frage: Wie reagierte denn der Hund auf diese Situation? Denn das sind ja meistens trauernde Menschen, die in Ihr Unternehmen als Kunden zu Ihnen kommen.

Meißner Witzke: Ich hoffte, dass mein Hund gar nicht reagiert. Denn wenn sie draußen jemand Fremdes ansprach, hatte sie Angst, bellte und wollte wegrennen. Darum dachte ich mir, wenn sie die Möglichkeit hat sich zu verstecken, wird sie das nutzen und gar nicht vorkommen. Aber ganz im Gegenteil. Bei manchen war sie total neugierig. Dann saß sie da an diesem Trenngitter, konnte vorgucken, hat das Köpfchen schräg gelegt und wollte wirklich nach vorne. Sie ließ sich auch von einigen, nicht von allen, streicheln. Jeder reagiert in der Trauer anders. Ältere Damen zum Beispiel, die auf der Straße gar nicht gingen – sie hatte immer Angst, weil gebückte Haltung, vielleicht auch noch ein Stock – wenn die hier waren, rollte sie sich zu ihren Füßen ein und ließ sich kraulen. Wenn manche Männer laut und kräftig sprachen, bekam sie wieder Angst. Aber in der Regel, wenn wir dann im Gespräch zusammensaßen und die Leute auch intensiver über Erfahrungen und Erinnerungen mit dem Verstorbenen sprachen, dann ließ sie sich von dieser ruhigen Stimmung einfangen und fiel manchmal unangenehm durch Schnarchen auf. Und dass sie trotz fremder Menschen so entspannt war, kannte ich bei ihr überhaupt nicht. Sie fand es immer toll hier. Wir liefen oft in die Firma. Und wenn ich hinten aufschloss, rannte sie sofort nach vorne. Es war für sie immer schön. Aber ich hatte immer ein schlechtes Gewissen. Ich dachte mir oft: Ohje, jetzt musst du den Hund wieder mit zur Arbeit nehmen, sie könnte doch viel schönere Sachen machen und muss jetzt hier im Büro sitzen. Aber sie schien sehr zufrieden zu sein.

Dogs&Jobs: Ein Gespräch in so einer Situation, kostet den Trauernden natürlich auch Kraft. Glauben Sie, dass sie in irgendeiner Form was Positives beitragen konnte?

Meißner Witzke: Das Schlimmste an unseren Gesprächen sind die ersten Minuten. Kunden kommen rein, kennen mich nicht, kennen die Situation nicht, kennen die Firma nicht, und da kommen die ersten Sätze immer sehr holprig und schwierig. Und sie war in dieser Situation immer ein guter Gesprächsanfang. „Ach Mensch, Sie haben da ja einen Hund. Was ist es denn für einer? Wir hatten auch mal einen.“. Oder Manche erzählten dann von ihren Hunden. Für uns ist es auch völlig in Ordnung, wenn Kunden ihre eigenen Hunde mitbringen. Und das gibt Kraft, indem man so eine Brücke bauen kann und wenn rüberkommt: Wir sind auch Menschen. Im Gespräch selber, wenn es ans Aussuchen, ans Beraten und an diesen ganzen Bürokram geht, da hat der Hund zwar keine Kraft gegeben, aber er sorgte immer wieder für Ablenkung. Und das hat es den Kunden nicht so schwer gemacht. Sie lockerte die Situation ein bisschen auf.

Dogs&Jobs: Und würden Sie das auch als Vorteil in dieser Situation sehen?

Meißner Witzke: Absolut. Wir überlegen schon wieder, ob wir uns wir uns einen neuen Hund holen Ich würde ihn dann auf jeden Fall wieder mit ins Büro nehmen. Ich selbst hatte ganz lange Schwierigkeiten, als wir unseren Hund verloren haben. Deshalb wäre es mir persönlich schwergefallen, wenn wir uns gleich wieder einen neuen zugelegt hätten. Andererseits war es für uns als Büroarbeiter immer gut, weil immer jemand da war. Und es war auch für die Kunden gut und schön. Deswegen sprachen wir öfters darüber – machen wir es oder machen wir es nicht –, uns wieder einen Hund anzuschaffen. Es war auch schön für uns selbst.

Dogs&Jobs: In Berlin ist es ja verboten, einen Hund auf Friedhöfe mitzunehmen. Können Sie sich vorstellen, dass eine Veränderung hier positiv wäre? Wie könnte das sein? Zum Beispiel dass bei einer Trauerfeier ein Therapiehund anwesend ist und einen positiven Einfluss auf die trauernden Gäste haben könnte?

Meißner Witzke: Also grundsätzlich ist das verboten. Aber es gibt einige Friedhöfe, die da Ausnahmen machen. Und vor allem machen die meisten Menschen die Ausnahmen. Wenn eine Omi mit 80 Jahren ihren Mann verloren hat und mit ihrem Dackel spazieren geht, dann geht sie trotzdem auf den Friedhof – mit ihrem Dackel. Ich selber verstehe, warum es verboten ist. Viele machen eben die Hinterlassenschaften von ihrem Tier nicht weg. Vielleicht haben auch Leute Angst vor Hunden. Aber für die Leute, die einen Hund haben und daran hängen, für die ist es fast schon unerlässlich, dass sie den Hund mitnehmen. Wir hatten auch schon öfter Anfragen, ob denn der Hund der Verstorbenen mit zur Trauerfeier und zur Beisetzung darf. Denn das ist ein Familienmitglied. Und er möchte sich auch verabschieden und möchte dabei sein. Dass das offiziell nicht möglich ist, verstehe ich nicht. Denn wenn ein Hund angeleint an der Trauerfeier teilnimmt und anschließend zum Grab mitgeht und die Leute sich darum kümmern, dass er nicht buddelt und nichts zerstört, dann sollte das doch kein Problem sein. Ich glaube das wäre positiv. Denn heutzutage ist es ja so, dass der Friedhofsgang später, also Jahre nach der Beisetzung, in Vergessenheit geraten ist. Kaum einer sagt: „Mensch heute ist schönes Wetter, komm, wir spazieren mal über den Friedhof und besuchen Oma und Opa.“ Sondern es ist eher eine Last, wenn man mal wieder zum Gießen zum Friedhof muss. Ich denke, wenn man das mehr in seinen Alltag einbinden kann, dass man eh mit seinem Hund spazieren geht, dann würde man auch eher sagen: Komm. wir da gehen mal hin. Das würde Friedhöfe viel mehr aus der Ecke des Tabus holen und sie vielmehr in den Alltag integrieren und sie als Teil des Lebens wahrnehmbarer machen. Wir haben auch Erfahrung mit Krematorien, die Hunde erlauben. Dort machten wir beispielsweise Abschiednahmen am offenen Sarg, wo der Hund des Verstorbenen dabei gewesen ist. Und was soll auch passieren? Warum sollte der Hund nicht dabei sein dürfen, wenn er bei der Trauerfeier auch dabei sein durfte? Das war für die Angehörigen, die Trauernden, die Freunde und die Bekannten, die teilnahmen, eine schöne Sache. Und ich denke, auch für den Hund ist es eine schöne Sache, dass er dabei sein durfte und nicht irgendwo abgegeben oder zu Hause bleiben musste und selber nicht versteht, was in seiner Familie gerade passiert. Und deshalb verstehe ich es nicht, warum sich die Friedhöfe so querstellen. Denn es geht ja bei einigen. Zum Beispiel Stahnsdorf ist ein sehr großer Friedhof, der Hunde erlaubt. Es gibt hier in Berlin einige kirchliche Friedhöfe, die Hunde erlauben, und das ist da auch kein Problem. Es sind primär die städtischen, die sogar per Unterschrift im Rahmen der Friedhofsordnung ausschließen wollen, dass Hunde erlaubt sind.

Dogs&Jobs: Würden Sie sagen, dass ein Hund ein guter Trauerbegleiter sein kann?

Meißner Witzke: Ja, vor allem, wenn es ein Hund ist, der schon in der Familie war. Ein Hund ist ja sowieso schon Lebensbegleiter und Begleiter in tausend anderen Dingen. Man macht alles mit dem Hund mit. Und gerade wenn man den Ehepartner verliert, oder das Kind, oder ein anderes Familienmitglied, dann ist es doch schlimmer, wenn man das andere Familienmitglied – den Hund – dann auch noch aus seinem Trauern ausschließen muss. Wir sagen deshalb immer: Bringen Sie ihren Hund mit, wenn Sie zu uns zum Beratungsgespräch kommen. Sie können ihn dann auch hier von der Leine machen, dann läuft er hier herum, denn was soll er denn kaputt machen? Und das nimmt Stress von der Familie. Das ist wirklich so. Denn wenn sie nicht überlegen müssen: „Wir sind jetzt zwei Stunden beim Bestatter, wo bringen wir den Hund hin? Lassen wir ihn im Auto?“, dann nimmt das den Leuten Stress. Und die Kunden reden natürlich auch mit dem Hund, erzählen es ihm, und das ist ja auch Teil der Verarbeitung. Und deshalb finde ich es absolut in Ordnung. Aber Hunde haben ja sowieso ein ganz anderen Stellenwert im Leben als beispielweise Katzen. Hunde sind Begleitung und ein Stückweit auch Therapie, auch wenn es kein ausgebildeter Therapiehund ist. Denn man erzählt ihm ja eigentlich alles, und er macht alles mit. Deshalb finde ich, dass ihm auch die Möglichkeit gegeben werden sollte, dass er auch Trauer und Abschied mitmachen kann.

Dogs&Jobs: Möchten Sie anderen Bestattern zum Thema Hund noch etwas mit auf den Weg geben?

Meißner Witzke: Ich kann von uns aus nur sagen, dass es bei uns gut geklappt hat und dass es schön ist, wenn man sich auch als Bestatter ein bisschen öffnet. Es ist ja so, dass wir in dunklen Läden sitzen, wir sind dunkel angezogen und sind von der Gesellschaft ein bisschen außen vor. Und ich kann sagen: Ich habe mich geöffnet, es hat den Laden geöffnet. Es kamen Kunden wieder, die gar kein Anliegen hatten, sondern dem Hund einfach Leckerlies bringen wollten. Und wenn man sich auf der Straße traf, dann war man nicht der Bestatter von Oma Frieda, sondern wir sprachen über den Hund: Wie geht’s dem Hund, und wie geht’s Ihnen? Ich fand das positiv. Und ich würde anderen Bestattern mit auf den Weg geben, dass es nicht immer nur alles ordentlich im Dunkeln, im Büro und geheimniskrämerisch sein muss, sondern dass man so was auch einfach ein bisschen offener und lockerer machen kann.

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